Geliebt, gehasst, verdammt...?

  • Die Sakralorgel - eine Nachbildung der Pfeifenorgel...


    Liebe Leser,


    kaum ein Thema im Bereich der Orgeln wird in der Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft (??) so brisant die Gemüter bewegt haben und noch bewegen wie dieses. Seit der Erfindung von Orgeln, die als Ersatz für die Pfeifenorgel gedacht waren, gab es Befürworter und strikte Gegner dieser Nachbildungen.


    Viele Argumente sprechen dafür und viele dagegen. Es gab darüber schon zähe Diskussionen sowohl auf Seiten der Pfeifenorgelbauer, Sachverständigen, zuständigen Gemeindegremien, Sakralorgelhersteller und aller möglicher Gruppierungen von Orgelfreunden.


    Jede Partei hat ihre Meinungen oft strikt und teilweise radikal vertreten. Ich würde hier gerne differenziert diskutieren, inwieweit es nicht Aspekte für ein "Sowohl Alsauch" geben kann.


    Wie ist Ihre persönliche Meinung hierzu? Welche Erfahrungen haben Sie aus der Vergangenheit?



    Ich bin neugierig ;)


    Gruß Michael alias Mikelectric

  • Hallo Michael,
    meine Erfahrungen mit Pfeifenorgeln sowie mit Digitalorgeln der verschiedensten Hersteller belaufen sich auf ca. 30 Jahre Kirchenorgel bzw. 20 Jahre Digitalorgeln.
    Um es kurz zu machen: Keine der Digitalorgeln konnte eine Pfeifenorgel auch nur ansatzweise ersetzen. Und ich hatte gutes Material zum Vergleich. Meine eigene Johannus Opus 1405,eine Ahlborn Präludium IV mit riesigem Lautsprechersystem , eine große Viscount weiß nicht was usw. Eine Allen kam der Pfeifenorgel im Klang und im Spielgefühl am nächsten –war aber immer noch weit weg.
    Ich halte eine Digitalorgel für eine absolut tolle Erfindung und eine super Übungsorgel. Muß man doch nicht immer in die kalte Kirche. Allerdings hatte ich auch den Fehler gemacht und an der falschen Stelle gespart. Wenn schon eine DO dann mit der entsprechenden Tastatur und nicht mit diesem billigen Plastikmist. Diese Investition lohnt sich mit Sicherheit!
    Leider konnte ich auch meine damalige Kirchengemeinde nicht zur Reparatur der, in der Kirche vorhandenen, Feith Orgel überreden und man beschloss die Anschaffung einer DO (oben genannte Ahlborn) Doch es ist nie eine richtige Kirchenorgel geworden. Trotz üppiger Einstell-und Intonationsmöglichkeiten und zig Lautsprechern bzw. Subwoofer ,wollte sie nie so wie erwartet klingen.
    Wenn es also die finanzielle Situation in den Gemeinden erlaubt: um Gottes Willen erhaltet die Pfeifenorgeln!! Eine DO -wirklich nur dann wenn nichts anderes mehr geht.
    LG Dulciano

  • Hallo Dulciano,

    Quote

    Leider konnte ich auch meine damalige Kirchengemeinde nicht zur Reparatur der, in der Kirche vorhandenen, Feith Orgel überreden und man beschloss die Anschaffung einer DO (oben genannte Ahlborn)


    Das ist aber schade, eine Generalüberhohlung kann viel verändern. Ich habe diese Woche eine neobarocke Orgel (Bj: 1960) kennen gelernt. Sie wurde vor ein paar Jahren überhohlt und klingt wundervoll. Auch die Traktur ist sehr angenehm.
    Hat das von dir angesprochene Instrument mechanische oder elektrische Trakturen?


    Zu den Klaviaturen:
    Ich habe zwar keine UHT, die hätten mir viel zu viel gekostet, vermisse sie aber trotzdem. ;(
    Ich rate jedem, wenn möglich verschiedene Klaviaturen zu testen. Die Unterschiede können gravierend sein.

  • Hallo Niklas,
    ja ,das war wirklich schade das sich unser Kirchenvorstand, dem ich übrigens damals auch angehörte , gegen die Generalüberholung -der in unserer Kirche vorhandenen Feith Orgel -ausgesprochen hat. Ich hatte damals schon Kontakt mit einem sehr erfahrenen Orgelbaumeister (früher Schuke) aufgenommen. Auch unser Gemeindevermögen hätte es hergegeben (ohne uns zu verausgaben) – aber eben nicht für die Reparatur einer Orgel. :-idiot: Das war Anno 2005 und das Geld liegt immer noch auf dem Konto, schön festgelegt –falls mal was ist. Ach nein ,sorry : eine Sitzkissenkontaktheizung für über 10.000 €uronen wurde angeschafft. Macht sich besonders gut in Katholischen Kirchen da man dort bekannter weise des öfteren kniet oder auch steht. Aber das nur am Rande.
    Da ich, mit unserem damaligen Pfarrer, den Rest des alten, verknöcherten KV nicht umstimmen konnte habe ich damals auch diesen unter Protest verlassen. Geändert hat sich aber auch trotzdem nichts und es wurde besagte Ahlborn Präludium IV angeschafft. Hätte ich Schlafmütze damals wenigsten auf zwei UHT oder Fatar Manuale gedrungen! Das bereue ich heute sehr –ist mir doch der Fehler schon mal ,bei der Anschaffung meiner privaten Johannus Orgel, passiert.
    Du hast ja recht- die Dinger sind echt teuer ,zumal meine Opus 3 Manuale hat –aber das hat man daran !! Über die Tastatur findet man erst den richtigen Kontakt zum Instrument. Ich kann mich nach 20 Jahren noch immer nicht an diese Plastiktasten gewöhnen. Echt schade aber nun nicht mehr zu ändern.
    Seit einiger Zeit leiste ich meinen Orgeldienst nun in einer anderen Gemeinde. Dort stehen mir zwei Jehmlich Orgeln zur Verfügung, immer schön gewartet und absolut in Ordnung. In meiner ehemaligen Gemeinde spielt jetzt wohl alle 4 Wochen mal der Regionalkantor einen Gottesdienst und das wars dann. So kann sich eine gut funktionierende Kirchengemeinde auch kaputt sparen!!
    Zur Feith Orgel selbst: in den dreißiger Jahren erbaut,2 Manuale,Pedal, 10 Register und alles was Subb -und Superoktavkoppel so hergeben (viele „Tonlöcher“) Die Orgel ist sehr grundtönig gehalten,die 8‘ sind viel zu laut intoniert. Hätte sich aber leicht ändern lassen. Es handelt sich um eine rein pneumatische Orgel die deshalb sehr leicht zu spielen ist .Es gibt somit fast keinen Tasten-Gegendruck ! Ansonsten ist die Orgel sehr Reparaturfreundlich. Wenn man immer hinterher ist und die kleinen Lederbälge rechtzeitig austauscht gibt es so gut wie keine Ausfälle. Ich selbst habe während meinen zig Dienstjahre einige Hundert dieser Dinger verklebt.
    Tja aber wenn eine Gemeinde dann über 70 Jahre nix in ein solches Instrument investiert dann folgt irgendwann der Exitus. Holzwürmer, zerfressene Zinnpfeifen usw. Nur noch bedingt spielbar ! Aus die Maus :-help: !


    Nun Niklas,das war dann doch mal ein ausführlicher Einblick in den Alltag einer Katholischen Kirchengemeinde im wilden Osten. :B Sicher gibt es auch Gemeinden die sich wirklich die Reparatur einer erhaltenswerten Pfeifenorgel nicht leisten können. Ich denke da auch an die großen Rühlmann Orgeln welche in meinen Breiten sehr häufig anzutreffen sind. Da wurden schon mal Orgeln mit bis zu 50 Register in kleine Dorfkirchen gebaut. Die Anzahl der jetzt dort anzutreffenden Kirchgänger liegt unter einem Dutzend. Die paar Hanseln können dann keine Hunderttausende aufbringen um solch ein Teil wieder zum klingen zu bringen. Das ist klar. Aber in unserem Fall war es einfach nur:
    GEIZ IST GEIL
    In der Hoffnung das so etwas die Ausnahmen ist- allen ein schönes Wochenende
    LG Dulciano

  • Hallo Dulciano,


    da du von ostdeutschen Kirchen sprichst und in dem Zusammenhang auch von Jehmlich Orgel Nehm ich an, daß du aus der Dresdner Ecke stammst.
    Ich beorgele ja nun auch ostdeutsche Kirchen im thüringischen Eichsfeld...aber bei unseren Orgeln wird mittlerweile schön brav auf die Wartungen geachtet. Das ist unter anderem einer meiner Verdienste. Man war früher hier auch der Meinung das die Orgel da steht und man nix dran machen muss. Das Denken hat sich Got sei Dank geändert.


    Gruß Martin

  • Hallo Martin,
    nein, aus der Dresdner Ecke komme ich nicht. Ich wohne in Sachsen-Anhalt und beorgele dort zwei Kirchen mit Jehmlich Orgeln. Die sind in den sechziger Jahren erbaut wurden und klingen sehr schön. Es sind,so glaube ich, die einzigen Jehmlichs weit und breit. Im Magdeburger Kloster steht ein recht großes Exemplar - nur noch von der riesigen Schuke Orgel im Magdeburger Dom, mit gleich drei 32‘ Register, zu toppen.
    Aber Du hast schon recht. Jehmlich OB ist vor allem in Sachsen präsent und baut dort hervorragende Instrumente. Z.B. Dresdener Kreuzkirche-ein tolles Teil !
    Wie Du schreibst bist Du im wunderschönen Eichsfeld zu Hause welches mir sehr wohl bekannt ist. Meine Verwandtschaft wohnt in Effelder wo ich immer wieder gern in den Eichsfelder Dom gehe und die dortige –ich glaube Feith Orgel- spiele.
    Das Du, in dem erzkatholischem Gebiet ,keine Probleme mit der Orgelpflege hast will ich Dir wohl glauben. Das ist aber auch gut so und sollte für andere Gemeinden ein Beispiel sein! :-up:
    Was hast Du denn für Orgelmaterial zur Verfügung und wie ist den zur Zeit der Kirchenbesuch ? Ich kann mich noch an Zeiten ,in Effelder, erinnern an dem die Kirchenplätze -normalen Sonntagen - nicht ausgereicht haben. Und das bei drei Messen! So viel Menschen wohnten gar nicht in dem Ort-so das sicher einige den Gottesdienst mehrmals am Tage besucht haben.
    Ein wahres Paradies für den Organisten ! :-pray:
    LG Dulciano

  • Du hast PN...


    ich habe hier hauptsächlich 2 Krell-Orgeln in Gebrauch. Die eine mehr-die andere weniger und ab nächsten Sonntag andersrum.
    Dann hast du die Krell-Orgel ( oder Feith Orgel-bin mir grad nicht ganz sicher) des Eichsfelder Dom's St. Alban in Effelder gespielt.
    Unsere Kirchen sind hier nach wie vor voll, aber die Jugend schwächelt hier und da auch, zumindest während der Pubertät. Als Kinder und Erwachsene besonders wenn sie dann selbst Kinder haben sind sie wieder regelmäßig da. So wird uns hier das katholische von Kindheit an sehr vertraut gemacht und zum festen Bestandteil des Lebens,...getreu dem Motto und alten Lied: " Katholisch bin und bleibe ich..."


    Gruß Martin

  • Jetzt mal zurück zum Thema,


    also mir geht es auch so, daß ich Dulciano zustimmen muss. Ersetzen wird eine Samplingorgel die Pfeiffenorgel niemals. Aber mir ist auch bewußt, daß kleinen Kirchen, Friedhofskapellen oder einfach kleinen Kirchengemeinden oft das Geld für einen Orgelneubau nicht zur Verfügung haben bzw. ist in besagten kleinen Räumen auch der Platz ein Kriterium.
    So finde ich es doch gut, daß es elektrische Sakralorgeln gibt, so bekommt wenigstens jede Gemeinde auf irgendeine Weise ein Instrument, was zur Gottesdienstbegleitung tauglich ist. Und die Klangqualität mancher Digital/Samplingorgel ist ja nun auch nicht mehr zu verachten. Da gibt es durchaus Modelle, die sich sehen lassen können.


    Gruß Vacant

  • Als 'wirtschaftlich Beteiligter' möchte ich gern ein paar weiter greifende Gedanken zum Thema Digitalorgeln im Allgemeinen und 'Nachbildung der Pfeifenorgel' im Speziellen einstreuen.


    Es wird angesichts der kontinuierlichen technischen und klanglichen Entwicklung von Digitalorgeln immer deutlicher, dass sich diese Instrumentengattung mittlerweile als eigenständiges Instrument sukzessive emanzipiert und seine ihm von Kirchen, Orgelsachverständigen und Organisten zugewiesene Position als Imitat oder Nachbildung verlässt. Parallel dazu und unabhängig davon ändern sich in vielen (wenn nicht sogar in den meisten) Kirchen die musikalischen Darbietungsformen und, nicht zu vergessen, auch die Struktur der aktiven Gläubigen, die sonntäglich Messen und Gottesdienste besuchen. Wie im richtigen Leben gilt auch für die Kirche: 'Nichts ist beständiger als der Wechsel', und das nicht erst seit Gestern.


    Dies macht auch die Notwendigkeit zum behutsamen aber kontinuierlichen Umdenken und zur Orientierung der Kirchenmusik an neue Anforderungen und Aufgaben deutlich. Historisch gesehen sind auch Pfeifenorgeln in Kirchen im Grunde genommen Instrumente der Neuzeit. Außerdem: Seit wann wurden in Sakralbauten Klaviere oder gar Digitalpianos eingesetzt? Wann gab es die ersten Gospel-Chöre, die ersten 'Praise Bands', die ersten Liederkreise zur Gitarre? Die Entwicklung neuer liturgischer Formen verläuft dynamisch und in immer kürzeren Zyklen, wenn global betrachtet in unserem hiesigen Kulturkreis vergleichsweise noch eher verhalten (was sich aber jederzeit rasch ändern kann und vermutlich auch wird).


    Um auf die Orgel und ihre kulturelle Bedeutung zurück zu kommen: Natürlich hat die Orgel hierzulande eine erheblich längere und historischere Tradition als in den anglo-amerikanischen, afrikanischen oder asiatischen Gebieten, und darauf können wir mit Fug und Recht stolz sein. Natürlich ist es gut und richtig, erhaltenswerte Pfeifenorgeln zu pflegen und zu erhalten, und dort wo es noch möglich und vertretbar ist, auch neue Pfeifenorgeln zu bauen und zu installieren. Als jemand, der mit Digitalorgeln seine Brötchen verdient, ist es mir allemal lieber, einen potentiellen Verkauf an einen Pfeifenorgelbauer zu 'verlieren' als an einen Anbieter einer ungeeigneten oder falsch konzipiteren Digitalorgel.


    Gleichwohl macht es in vielen konkreten Fällen (und das nicht etwa nur bei Haus- und Übungsorgeln) eine Menge Sinn, eine Digitalorgel seriös in Betracht zu ziehen: Nicht etwa weil eine Digitalorgel per se ein perfektes Imitat der (oder einer bestimmten) Pfeifenorgel wäre oder diese als 'Nachbildung' ersetzen kann oder soll, sondern als klare Alternative, die ihre eigenen Vorteile und musikalisch-kreativen Vorzüge keineswegs verbergen muss.


    Während eine Pfeifenorgel stets ein individuell konzipiertes und gebautes, gleichzeitig aber auch ein 'unveränderliches' Instrument darstellt, ist die Digitalorgel konstruktions- und systembedingt wandelbar und anpassungsfähig. Sie kann nicht nur einen bestimmten, definierten Klangcharakter oder eine dezidierte Orgelbautradition, eine einzige fixierte Temperierung oder Intonation darstellen - sie ist in all diesen und anderen Parametern flexibel und anpassungsfähig. So fein es sein kann, wenn eine Pfeifenorgel in einer bestimmten Gemeinde mitteltönig gestimmt ist und sich u.a. deshalb für die Darbietung von Konzerten mit dafür geeigneter Literatur explizit anbietet - was hat die Gemeinde davon, die bei beim Singen von Liedern in E-oder Des-Dur nur von dieser Orgel nur 'gewönungsbedürftig' begleitet werden kann? Was spricht andererseits dagegen, ein Orgelkonzert an einer Digitalorgel durch unterschiedliche, wählbare Dispositionen und Temperierungen so vielschichtig und -farbig zu gestalten, wie es mit einer Pfeifenogel nicht möglich wäre? Warum sollte sich eine Kirchengemeinde aufgrund begrenzter Budgets gezwungen sehen, sich für eine zu kleine Pfeifenorgel zu entscheiden, wenn die Größe und Akustik der Kirche im Grunde ein größeres, musikalisch vielseitigeres Instrument erfordern würde?


    Ich finde den häufig noch anzutreffenden Ansatz 'Eine richtige Orgel hat Pfeifen', oder 'Digitalorgeln werden niemals einer Pfeifenorgel gleich kommen' für zu kurz gegriffen, weil damit schechterdings Äpfel mit Birnen verglichen werden.
    Beide 'Darreichungsformen' haben ihen Platz und ihre Berechtigung, ebenso wie 'Mischformen' wie hybride Lösungen aus Pfeifen- und Digitalkomponenten.


    Viele Grüße
    Dieter Schuster

  • Interessant wär, einmal eine aktuelle Kombi-Installation zu hören. Von dem missglücktem Ahlbornteil hatte ich ja schonmal gesprochen. Aber wie hören sich diese Instrumente heute an?


    Gibt es denn irgendwo Installationen aus ihrer Werkstatt?


    Gruß

  • Ja, die neueste/aktuellste Installation kann jederzeit im neuen Bauer-Music Orgel-Ausstellungsraum in Heusenstamm bei Offenbach besichtigt und gespielt werden.
    Wenn ich im Lande bin, komme ich nach Absprache/Terminvereinbarung auch gern dazu und stehe für detaillierte Infos und Auskünfte zur Verfügung.


    Viele Grüße
    Dieter Schuster